Samstag, 23. März 2013

Eine schöne Leich'

Gestern wurde Stuttgarts einzige Krimibuchhandlung Under-Cover beerdigt. Zwölf Autor/innen (minus  einem, denn der war krank) haben sich in Kurzlesungen von Juliane Hansen verabschiedet.


Silvija Hinzmann hat folgenden Nachruf geschrieben:


An diesem denkwürdigen Freitagabend im März versammelten sich vor der Buchhandlung Under-Cover zwölf Personen. Sie hatten sich zwar noch nie zuvor gesehen, hatten aber eines gemeinsam: sie waren fiktiv. Eine burschikose Frau mit kurzen Haaren und einer Narbe auf der Wange ergriff als Erste das Wort.


„Hallo, zusammen. Ein sehr trauriger Anlass führt uns heute hierher. Das Under-Coverschließt und wir stehen buchstblich auf der Straße. Aber das Leben und speziell das Buchgeschäft ist eine harte Schule. In dieser Stadt liegt einiges im Argen, nicht nur verkehrstechnisch. So musste heute ich die Totensteige hinunter rennen, um nach derVergeltung in Degerloch rechtzeitig hier zu sein. Aber lassen wir das. Ich schlage vor, dass wir uns kurz bekannt machen. Mein Name ist Lisa Nerz, ich bin Reporterin. Und nun einfach der Reihe nach.“

„Okay, ich bin Georg Dengler, Privatdetektiv. Die Schließung dieses Hauses ist fast einperfekter Mord. Ich verspüre brennende Kälte wie damals beim München-Komplottoder im Sommer am Bosporus. Viel zu viele fischen in fremden Wassern. Aber glaubt mir, die Rebellen sind nicht tot!“ Dengler zog ein Blatt aus der Jackentasche und faltete es auseinander. „Ich führe seit Jahren diese blaue Liste und möchte mir sicherheitshalber eure Namen notieren.“ Dann nickte er dem Chinesen zu, der als Nächster dran war. „Wer sind Sie, bitte?“

Cheng“, kam es wie aus der Pistole geschossen, wobei ein Hauch Wienerisch mitschwang. „Ja, heute ist ein mariaschwarzer Tag. Jammerschade, ach, was sage ich, es ist ein Skandal, dass unsere Freundin und Gönnerin ihr schönes Bücherhaus schließen muss. Und das hier, in einer Stadt, wo die Löwen weinen! Da muss man schon einsturer Hund sein und sich ein dickes Fell wachsen lassen, um den Umfang der Höllezu vermessen. Und nun kommt das Gewitter über Pluto immer näher“, er hob den Blick zu den Wolken, die sich über dem Gerberviertel zusammenbrauten. „Aber die Haischwimmerin wird über kurz oder lang die nervösen Fische aus Amazonien vor die feine Nase der Lilli Steinbeck treiben. Dann wird man schon sehen, wer hier das himmlische Kind und wer der To(r)tengräber ist, so wahr ich der Mann bin, der den Flug der Kugel kreuzte.“

„Yep, Alter, genau so isses“, fiel ihm ein anderer ins Wort. „Für die Krimifans ist das einAlbtraum. Wenn ihr mich fragt, sind daran nicht nur die Machenschaften der Onliner schuld. Die Buchjunkies sind bequem geworden. Sie lassen sich beliefern, anstatt sich den Lesestoff selbst beim Buch-Dealer zu besorgen. Doch ich bin pessimistisch, dass sich das so bald ändern wird. Die Situation versandet immer mehr, dann kommt der Absturzund unsereins bleibt wie ein Loser auf der Strecke.“ Übrigens, mein Name ist Andy Garcia, Reporter.“

.... Fortsetzung hier:

....  und das Ende:

„So isses. Nur mit Teufels G’walt kriegt man uns klein!“ Lisa Nerz winkte die anderen zum Eingang. „So, gehen wir rein, das Essen wird kalt. Es gibt Spezialitäten vomGaisburger Schlachthof, Herrgotts Bscheißerle und Wein bis zur bitteren Neige.Nur Baccus wird unser Zeuge sein, aber dass mir nachher keiner leblos unterm Tresen liegt. Wir lassen uns nicht von Almachtsdackeln im Nachtkrater verscharren,Malefitzkrott, nocheinmal! – Und jetzt alle: Ein Hoch auf das Under-Cover und unsere liebe Juliane Hansen!“

Mit freundlicher Erlaubnis, Stuttgart, 22.03.2013 ® Silvija Hinzmann

Foto: Maria Lehmann